· 

Das Ding mit der Belohnung - Teil 1

Ein Gastbeitrag meiner lieben Kollegin Inga Hauser


Laaaaaaangweiliiiiig
Laaaaaaangweiliiiiig
Meine Hunde haben ja ausschließlich gute Eigenschaften, wie leider nicht jeder weiß, und manche davon stellen mich und auch die vier- und zweibeinigen Zeitgenossen vor, sagen wir, Aufgaben.
Die Lisi ist z.B. von der Sorte Krawallschachtel, was die Begegnung mit anderen Hunden angeht. Das hat eine lange Vorgeschichte, die ich hier nicht erzählen möchte, jedenfalls wird bei Fremdhundesichtung in der Regel erst einmal fürchterlich herumgeschrien, wenn diese Sichtung nicht sorgfältig gemanagt wird – und das geht halt relativ oft z.B. im Urlaub nicht, wo wir immer damit rechnen müssen, dass andere Hunde zu nah, zu plötzlich, zu – überhaupt - auftauchen.

 

Mit Schlecktube schafft Lisi es eigentlich ganz gut, vorausgesetzt, ich bin früh genug dran, der Abstand ist groß genug usw. … Natürlich muss die Lisi auch dann noch manchmal Bescheid geben und (übrigens auch ungarische) Flüche ausstoßen, weil aufregen muss sie sich von Haus aus. Was bekomme ich dabei von wohlmeinenden Hundehaltern zu hören?

Ad 1: „Sie dürfen den Hund nicht schlecken lassen, Sie belohnen ihn ja dafür, dass er so bellt!“ (Welches natürlich ein Problemverhalten ist)

 

Jo. Also wenn ich mal aus dem Ungarischen übersetzen darf, was Lisi in solchen Momenten sagt: „Hau ab, du blöder Hund, komm bloß nicht näher, du, du , du Wrstgrmpflgrrrrrrrrgnnnnnichexplo Bääääääämmmmmm Zefixzefixsoll ich noch lauterkommmirbloßnicht Zugrrrrwäääähhhhh….!“
Na ja. Wie kann ich so etwas eigentlich belohnen? Also im Sinne von Konditionierung im herkömmlichen Sinne, dass ein bestimmtes Verhalten belohnt wird, damit es wieder gezeigt wird? Es ist ja kein „Verhalten“ im lerntheoretischen Sinne, was mein Mädchen da zeigt, es ist Emotion pur, die zu diesem Verhalten führt, und Emotion kann ich nicht konditionieren. Ich kann aber rechtzeitig den Fuß in die Tür kriegen und die Emotion erst gar nicht entstehen lassen bzw. sie durch Schlecken nicht zu groß werden lassen, sodass ich dann das gewünschte Alternativverhalten überhaupt erst einmal ermöglichen kann. Denn das funktioniert halt wirklich nur, wenn ein Teil von der Großhirnrinde noch arbeitet.

Die o.g. Flüche haben ihren Ursprung in den Tiefen der Amygdala und des limbischen Systems, das erreiche ich mit Belohnung gar nix. Und mit Strafe eh nicht, das ist auch klar.

 

So weit hoffentlich einleuchtend. Ich glaube, wir unterschätzen die Bedeutung von Emotionen allzu oft, wenn wir meinen, alles belohnen zu können. So einfach ticken Hunde halt auch nicht.

 

Ad 2, das habe ich jetzt erst erlebt und der Herr, der das zu mir sagte, stellte sich als Hundetrainer vor:
"Sie dürfen den Hund nicht schlecken lassen! Sie dürfen ihn nicht ablenken! Und er weiß ja gar nicht, WOFÜR er belohnt wird!"

Hmmmm.
Also „ablenken“ ist in so einer Situation schlichtweg nicht möglich, da müsste ich schon einen Böller zünden, und das hätte viele unerwünschte Nebenwirkungen. Und das zweite… das würde ja bedeuten, dass meine Lisi immer und automatisch mit jedem Keks, den sie erhält, weiß, wofür sie ihn bekommen hat, also damit ein Verhalten verbindet, das vom Halter erwünscht ist. Wenn das wiederum in letzter Konsequenz durchgedacht wird, haben wir dann Hunde, die nur danach trachten, Belohnungen zu erhaschen, indem sie versuchen, es dem Halter recht zu machen. Keinerlei Eigeninitiative mehr entwickeln, denn man weiß ja nicht, was der Mensch will… er wird es einem schon sagen….
Solche Hunde erlebe ich relativ oft, und es macht mich immer sehr traurig, wie sie zu Reiz-Reaktionsmaschinen reduziert werden und ihnen jegliche Emotionen, Erkundungsfreude und Spaß an der Freude wegkonditioniert wurden. Aber sie gelten oft als „wohlerzogene“ Hunde, leider.
Und was ist dann mit dem Keksregen? Ist der nicht eine „Super-Belohnung“ für ein supertolles Verhalten? Und überhaupt, die Ullihunde kriegen ja ständig Kekse, ob sie nun etwas Tolles gemacht haben oder nicht – die wissen ja auch gar nicht, wofür….?
Brauchen sie ja auch nicht. Weil wir belohnen nicht erwünschtes Verhalten, sondern
  • wir freuen uns mit dem Hund und feiern ihn, immer, wenn ihm und uns nach Feiern zumute ist.
  • Oder wenn er Popcorn braucht, weil es zu aufregend ist, wenn er einfach mal bei uns andocken möchte.
  • Oder wenn Pause angesagt ist, weil zur Pause gehört eine Brotzeit.
Da kommt für mich noch was Entscheidendes ins Spiel: so wie wir den Hunden Emotionen zugestehen, so muss auch unsere Emotion passen beim Kekse geben. Heißt: wenn ich Kekse gebe und hab dabei im Kopf, dass ich die hoffentlich in der entscheidenden Zeitspanne (0,8 Sekunden!!!) nach einem erwünschten Verhalten verabreicht oder per Marker angekündigt habe, dann kommt meine Emotion ziemlich kurz dabei. Und ich bin nur mit dem Kopf dabei und „erwische“ möglicherweise die Emotion meines Hundes nicht bzw. übersehe schlichtweg, was gerade für ihn bedeutsam ist.

Also abgesehen davon: meine Krawallschachtel Lisi ist jetzt halt kein „braver“ Hund, aber sie ist eine exzellente Jägerin, ist kreativ, unglaublich lustig, hat klare Vorstellungen, was nun gemacht werden soll und was eher uninteressant ist und hat eben neben beindruckenden Ankerhaaren nur weitere gute Eigenschaften…. Was soll ich da bitte noch belohnen?


Inga Hauser

betreibt ihre Hundeschule im Raum Grafing, Wasserburg, Ebersberg und Haag.

 

http://www.hundeschule-ingahauser.de/


Inga ist zertifizierte Ullihundetrainerin und hat ihre Ausbildung bei animal-learn in Bernau absolviert.

Zusammen haben wir schon allerlei Schabernack getrieben und noch einigen vor!
Danke wieder einmal,  Inga, für deine Gedanken! Mehr kann man da nicht dazu sagen!

 

Hier der Link zum Originaltext   >>>KLICK<<<